Chronik: Von der alten Schuhfabrik zur Kulturfabrik
Chronik: Von der alten Schuhfabrik zur Kulturfabrik

Chronik: Von der alten Schuhfabrik zur Kulturfabrik

Wodurch unterscheidet sich die alte Schuhfabrik von anderen Industrie-Hinterlassenschaften? Wie kam es, dass dort seit 40 Jahren Kunst, Kunstpädagogik und kunstnahe Dienstleistungen blühen? Wir haben in einer knappen Chronik die 200-jährige Geschichte des Anwesens Eltinger Straße 11 nachgezeichnet.

Chronik Teil 1: Die Süddeutsche Schuhfabrik in Leonberg

Ehemalige Schuhfabrik: Historische Ansicht auf einem Briefkopf vermutlich aus den 1930er Jahren. Abbildung: Stadtarchiv Leonberg
Jahr Ereignis
1821 Der Steinhauer und Werkmeister Jung Heinrich Haueisen errichtet ein zweistöckiges Haus mit zwei Wohnungen und Scheuer auf der Lamter.
1856 Nach Zwischenbesitzern, ein Oberamtsgerichtsbeamter und ein Architekt, kaufen Färber das Anwesen und bauen ein Farbhaus an.
September 1896 Als Reaktion auf die unnachgiebige Haltung des Leonberger Schuhfabrikanten Egidius Schmalzrieth während eines Arbeitskampfs in seiner Schuhfabrik in der Bahnhofstraße beschließen ausgesperrte Arbeiterinnen und Arbeiter, ihre eigene Schuhfabrik zu gründen.
Oktober 1896 Der „Färberei-Besitzer“ Gottlieb Laurer verkauft dem Schuhmachermeister Christian Popp für 19.500 Mark sein Anwesen an der Eltinger Straße 11. Dort setzen die ausgesperrten Arbeiter/innen ihre übergangsweise begonnene Heimarbeit in Form der genossenschaftlich organisierten Süddeutschen Schuhfabrik fort.
September 1897 Ein Kreditgeber der Genossenschaft, der Backnanger Lederfabrikant Karl Käß, übernimmt Gebäude und Mitarbeiter und führt den Betrieb privatwirtschaftlich weiter.
1898 Karl Käß lässt anstelle des abgebrochenen Farbhauses ein massives, zweistöckiges Fabrikgebäude errichten, Grundlage für das heutige Aussehen.
1910 Wilhelm Käumlen wird neuer Eigentümer und leitet die Firma über beide Weltkriege hinweg. Er erhöht das Fabrikgebäude um ein drittes Stockwerk und lässt Fabrikschornstein und Kesselhaus entfernen.
1928/29 Käumlen baut sich neben der Fabrik ein privates Wohnhaus.
1946 Zuerst kommt Erich Hägele, Neffe von Käumlen, als Gesellschafter hinzu, gefolgt von Alfred Kercher 1949.
Als letzter Eigentümer und Schuhfabrikant führt Erich Hägele die Süddeutsche Schuhfabrik bis …
1977 In diesem Jahr wird die Schuhfabrikation eingestellt.

Chronik Teil 2: Das Künstlerhaus in der alten Schuhfabrik

Alte Schuhfabrik in Leonberg: Heutige Ansicht mit blühenden Kastanienbäumen. Foto: ch
Jahr Ereignis
Ende 1970er Fabrikbesitzer Erich Hägele vermietet an Studenten der Stuttgarter Kunstakademie. Diese richten in den Fabrikräumen erste Ateliers ein, formieren sich unter dem Namen „Glaskasten“ zu einem eigenen Kunstverein und entfalten rege Ausstellungsaktivitäten.
1984 Der namhafte, aus Rumänien stammende Maler András Márkos bezieht eines der Ateliers. Márkos ist Initiator der 1983 in Leonberg gegründeten internationalen Künstlerkooperative „DIE GRUPPE“, zu deren sieben Gründungsmitgliedern auch der Leonberger Maler und Bildhauer Hans Mendler, der aus den USA stammende Maler Frederick Bunsen und der ebenfalls aus Rumänien stammende Maler und Graphiker Gert Fabritius gehören.
1984-1990 (erneut 1996-2007) Frederick Bunsen übernimmt im „Glaskasten“ das Atelier des Leonberger Malers Matthias Keller.
1986 Erich Hägele überlässt Márkos das Erdgeschoss für Ausstellungen und eine Radierwerkstatt. Márkos gründet mit dem Stuttgarter Galeristen Gerhard Walz die „Glaskasten Edition & Publishing GmbH“.
1986-2002 Zu den illustren Ausstellungsgästen zählen der Künstler Joseph Beuys, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm und der us-amerikanische Galerist Albert Scarlione.
Ausstellungsräume, Atelier, Kunsthandel und -versand sowie eine Druckerei bestehen bis zu Márkos` Auszug 2002.
1996 Markós gewinnt den Leonberger Galeristen Dieter Hausner für die Eröffnung des Fachgeschäfts BILD + RAHMEN im Vorderhaus.
1997 Frederick Bunsens Kunstschüler beziehen auf Initiative von Karin Albrecht ein Gemeinschaftsatelier in der ersten Etage.
2000 Die von Matthias Keller gegründete Jugendkunstschule zieht vom Pavillon auf dem Hof des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in die früheren Glaskasten-Ausstellungsräume im zweiten OG, wo sie als VHS-Kunstschule fortbesteht.
Dezember 2004 Carina Straub übernimmt BILD + RAHMEN von ihrem Onkel Dieter Hausner.
2005 Carina Straub eröffnet die „Galerie im Künstlerhaus“ mit einer Werkschau von András Markós. Es folgen Ausstellungen weiterer namhafter Künstler wie Josef Bauer aus München, Max Ackermann, Otto Herbert Hajek, Marcello Morandini, HAP Grieshaber, Adam Lude Döring und Hans Daniel Sailer.
Oktober 2005 Erster gemeinsamer Tag der offenen Tür der vier Institutionen im Künstlerhaus – Fachgeschäft BILD + RAHMEN, Galerie im Künstlerhaus, Künstler-Ateliers und VHS-Kunstschule.
2006 Seit der ersten „Langen Kunstnacht in der Leonberger Altstadt“ beteiligen sich alle vier Institutionen im Künstlerhaus regelmäßig an dem Frühjahrs-Event.
Erich Hägele stellt dem Stadtmuseum einen Großteil der ersten Etage als Lager für stadtgeschichtlich wertvolle Sammelobjekte zur Verfügung. Das Gemeinschaftsatelier wird um zwei Drittel verkleinert.
2007 Nach Frederick Bunsens Umzug nach Ammerbuch übernimmt Chris Heinemann dessen Atelier auf der zweiten Etage und begründet ein neues, drittes Gemeinschaftsatelier
Januar 2015 Nach dem Tod von Fabrikbesitzer Erich Hägele (25.04.1912-29.03.2014) verkauft die Erbin „Christoffel Blindenmission Bensheim“ das aus Vorderhaus und Fabrikgebäude bestehende Anwesen an die Stadt Leonberg.
2016 Tobias Kegler eröffnet sein Fotografie-Atelier in der Galerie im Künstlerhaus und unterstützt die Galerie bei Ausstellungen.
2018 Das Lager des Stadtmuseums in der ersten Etage wird auf Kosten des dort bestehenden Gemeinschaftsateliers erweitert. Nach Verhandlungen mit dem Kulturamt können Karin Albrecht und Thomas Lang ihr Atelier von der ersten Etage in einen kleineren Raum in der zweiten Etage verlegen.
2019 Als Reaktion auf sich häufende Forderungen nach einem Abriss der alten Schuhfabrik treffen sich die Nutzer/innen zu Hausversammlungen und beginnen, die Geschichte des Anwesens aufzuarbeiten.
April 2019 Bei der 14. Langen Kunstnacht sprechen sich die Hausnutzer/innen mit Plakaten im Haus und Stellungnahmen in der Lokalpresse gegen einen Abriss des in Leonberg und über die Region hinaus etablierten Kunst-Hotspots aus.
Juli 2019 Bei einer Besprechung zur Langen Kunstnacht unterzeichnen mehr als 30 Teilnehmer/innen eine von den Hausnutzer/innen vorgelegte Resolution für Erhalt und Sanierung des Leonberger Künstlerhauses.
Oktober 2019 Übergabe der Resolution samt Unterschriften an den Leonberger Oberbürgermeister Martin G. Cohn.
Im Verlauf eines mehrteiligen Inhouse-Workshops gründen die Hausnutzer/innen die Initiative Kulturfabrik Künstlerhaus Leonberg (IKKL) und wählen einen dreiköpfigen Sprecherkreis, bestehend aus Chris Heinemann, Karin Albrecht und Tobias Kegler.
Februar 2020 Die Initiative stellt einen detaillierten Vorschlag für ein zukunftsfähiges Nutzungskonzept fertig: Die künftige Kulturfabrik Künstlerhaus soll als Begegnungszentrum allen Bürger/innen offen stehen. Die geplante Vorstellung des Konzepts im Gemeinderat wird durch die bis Ende März vakante Stelle an der Kulturamtsspitze und die anschließenden Corona-Kontaktbeschränkungen verzögert.
Juni 2020 Die IKKL startet mit eigener Homepage und der ersten Ausgabe eines Rundbriefs eine eigene Öffentlichkeitsarbeit.
Juli 2020 Der Planungsausschuss des Gemeinderats spricht sich gegen die dringende Erneuerung der Heizung im Gebäude aus und plädiert stattdessen für eine mobile Heizung.
September 2020 Hausbegehung durch den Gemeinderat mit Fokus auf dem baulichen Zustand. Danach äußern sich etliche Ratsmitglieder negativ über die Zukunftsaussichten des Anwesens.
Im Nachgang versendet die IKKL ihren überarbeiteten Vorschlag für ein künftiges Nutzungskonzept an alle Ratsmitglieder und die Stadtverwaltung.
November 2020

Der Gemeinderat vertagt die Entscheidung über Abbruch oder Sanierung. Eine Projektgruppe aus je einem Mitglied der im Rat vertretenen Gruppierungen und der Verwaltung wird gebildet. Bei der ersten Sitzung der Projektgruppe am 5. November 2020 stellt der IKKL-Sprecherkreis das Nutzungskonzept vor.

Frühjahr 2021

IKKL-Aktive verteilen Flyer in Leonberg und Umgebung. Weitere Kulturschaffende und Kulturvereine solidarisieren sich mit der IKKL.

Mai 2021

 

 

 

24.Juli 2021

 

27.Juli 2021

 

 

 

 

 

 

August 2021

 

 

20. Oktober 2021

 

 

04. Dezember 2021

Bei der zweiten Projektgruppen-Sitzung am 19.Mai werben die IKKL-Sprecher erneut für eine komplette Sanierung und für das Projekt Kulturfabrik. Bau-Bürgermeister Klaus Brenner schlägt als Kompromiss zwischen Komplettsanierung und Komplettabriss eine Teilsanierung vor, das sogenannte Planungsszenario 4.

Bei der kurzfristig organisierten Kleinen Langen Kunstnacht wirbt die IKKL mit einem Infostand vor der Schuhfabrik für das Projekt Kulturfabrik.

 

Der Gemeinderat fasst zwei Beschlüsse zur Zukunft der alten Schuhfabrik:

Erstens: Die alte Schuhfabrik soll gemäß Planungsszenario 4 teilweise saniert werden: das Vorderhaus und eventuell auch der hintere Fabrikanbau sollen abgerissen werden.

Zweitens: Die Sanierung soll nicht die Stadt, sondern ein privater Investor übernehmen. Dafür soll die alte Schuhfabrik zum Verkauf an einen Investor ausgeschrieben werden mit der Auflage, nach erfolgter Sanierung unter anderem auch Künstlerateliers vorzusehen.

Die IKKL kritisiert in einem Leserbrief an die LKZ, dass Stadträte in öffentlichen Äußerungen das Projekt Kulturfabrik verschweigen und stattdessen den Eindruck erwecken, als gehe es bei der Sanierung nur um die privaten Interessen von „ein paar Künstlern“.

 

Zwölf engagierte Bürger/innen gründen in der Galerie im Künstlerhaus den Verein Kulturfabrik Leonberg. Zu den Gründungsmitgliedern zählen auch bislang außenstehende Kulturschaffende und Kulturinteressierte. Der neue Verein löst die bisherige Initiative ab. Bis zur erfolgreichen Registrierung trägt der Verein den Zusatz „i.Gr.“, das heißt „in Gründung“.

Die Initiative Kulturfabrik Künstlerhaus veröffentlicht ihren vierten und letzten Rundbrief. Über die weiteren Aktivitäten und geplanten Veranstaltungen im Jahr 2022 informiert künftig der Verein Kulturfabrik Leonberg in einem eigenen Rundbrief, der neu abonniert werden muss.

Quellen: Stadtmuseum Leonberg 1985 (abrufbar unter https://zeitreise-bb.de/schuh/), Frederick Bunsen 2017, LKZ 07.01.2018, Heinemann/Albrecht/Straub/Guggenbiller 2019-2021

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